passive Dehntechniken

Passive Muskeldehntechniken zur Detonisierung der Muskulatur?

Von Dirk Erhardt

Die Diskussionen über die Muskeldehnung bzw. das Strechting sind in den letzten Jahren immer heftiger geworden. Es besteht unter Therapeuten / Sportlern absolute Uneinigkeit über die Wirkung und die Durchführung von Muskeldehntechniken. Auch wird immer wieder versucht über Veränderung der Dehnungsparameter verschiedene Ziele zu erreichen. Oft belegt durch völlig unterschiedliche Studien, die sich vom Inhalt und Durchführung oft selbst hinterfragen und die dann durch andere Studien kurze Zeit später widerlegt werden.

Einmal wird behauptet, das eine passive Muskeldehnung einen Muskel detonisieren kann, wie zum Beispiel bei der Dehnung des M. trapezius pars descendens, durch dessen hypertonus oft ein Spannungskopfschmerz entsteht. Ein andermal wird durch eine passive Dehnung der Versuch unternommen einen Muskel zu tonisieren, wie es im Sport schon immer üblich war und leider oft noch ist.

Dann wird das federnde Dehnen als die einzige Möglichkeit beschrieben, um es dann wenig später als gefährlich Dehntechnik darzustellen.

Besonders deutlich sind die Widersprüche bei Läufern. Oft werden vor dem Lauf die großen Muskeln wie Ischiocrurales, Gastrocnemius/Soleus, Quadriceps, besonders rectus, Iliopsoas passiv gedehnt. Fragt man die Läufer warum sie diese Übung gerade vor dem Laufen machen, erwidern sie immer:

sie dient dazu den Muskel auf den Lauf vorzubereiten (tonisieren)

zur Mehrdurchblutung der Muskulatur

den Muskel weicher und elastischer machen

das Bindegewebe im Muskel zu lockern

den Muskel aufzuwärmen

Muskelkater und Verletzungen im Lauf zu vermeiden

usw.

Nach dem Laufen sieht man dann aber dieselben Sportler die selben Dehnübungen machen. Fragt man sie warum sie die selben Übungen jetzt auch nach dem Laufen machen, kommen meist folgende Begründungen:

den Muskel abwärmen

den Muskel wieder „auseinanderziehen“

den Muskel entspannen (detonisieren)

Kontraktionsrückstände auflösen

Stoffwechselendprodukte (Laktat) abtransportieren

usw.

Kurz gesagt werden von den selben Dehnübungen völlig gegensätzlich Reaktionen erwartet die die physiologischen Abläufe einfach nicht zu lassen. Auch im Therapiebereich lassen sich viele Situationen beschreiben, wo ähnliches erwartet wird, was jedoch eher vom „Wunschdenken“ geprägt ist, als das es auf physiologischen Kenntnissen beruht. Leider werden auch heute noch Patienten mit zb. sternosymphysaler Belastungshaltung, bzw. Thoracic outlet Syndrom passiv über den M. pectoralis gedehnt. Gleiches gilt für den M. piriformis.

Man erwartet oft eine detonisierende Reaktion, die jedoch nicht eintreten kann, wenn man sich einige wenige Verschaltungswege und die intrazellulären Reaktionen der Muskelzelle anschaut.

Im folgenden wird versucht die Wirkungen einer passiven Muskeldehnung auf physiologischer Basis zu erklären, damit sie den Stellenwert bekommt, der ihr zusteht. Dehnungen jetzt als völlig nutzlos zu bezeichnen geht zu weit. Es gibt Indikationen, wenn auch nur wenige, wo eine passive Muskeldehnung durchaus Sinn macht. Um dieses zu verstehen, muß man einen kleinen Abstecher in die Physiologie der Muskelzelle machen und die Abläufe aus funktioneller Sicht betrachten. Ein Muskel kann sich nie einfach selber kontrahieren, sondern immer nur über eine Erregung des Alpha-Motoneurons. Genauso kann er sich nie selbst auseinander ziehen, sondern immer nur seine Querbrücken lösen.

Der Beginn einer Kontraktion wird durch eine Erregung am Alpha-Motoneuron ausgelöst. Kommt es hier zu einer überschwelligen Reizung, wird als Folge in der Muskelzelle Calcium aus dem sarkoplasmatischem Retikulum ausgeschüttet. Dieses Calcium wiederum löst über den Troponinkomplex (bes. Troponin C) eine Reaktion aus, die hier nicht weiter vertieft werden soll, und es kommt zum Aufbau der Actin-Myosin-Verbindung. Diese eingegangene Verbindung ist äußerst stabil und kann durch eine Kraft von Außen ohne Trauma nicht lokal aufgelöst werden. Um diese Verbindung nach dem sog. Kraftschlag wieder lösen zu können, muß im Myosinkopf wieder ATP gebunden werden. Erst wenn dies geschehen ist, löst sich diese Verbindung wieder auf. Steht keine Energie zur Verfügung, bleibt diese Verbindung bestehen (Totenstarre). Zur Beendigung einer Kontraktion, es soll also keine weitere Verbindung aufgebaut werden, ist es notwendig das das Calcium wieder zurück in das sarkoplasmatische Retikulum gepumpt wird. Ist immer noch Calcium vor Ort wird dies ja gleich wieder über Troponin C gemeldet und es wird als Folge innerhalb von Millisekunden eine neue Verbindung aufgebaut. Dieser Pumpmechanismus stellt ebenfalls einen aktiven Transport dar und verbraucht ca. 30% des gesamten Energiebedarfs.

Postisometrische Relaxation

Wenn man sich jetzt als Beispiel vor Augen führt, das die sogenannte postisometrische Relaxation ja das allgemeine Ziel hat einen Muskel soweit zu erschöpfen / ermüden, „das er sich gegen die folgende passive Dehnung nicht wehren kann“, stellt sich die Frage, ob es dann überhaupt zu einem Loslösen der Actin-Myosin-Brücke kommt. Jedoch geschieht genau dieses nicht. Wenn der Muskel wirklich sowenig Energie vor Ort hätte, das er sich nicht wehren kann, kann es aus physiologischer Sicht gar nicht zum Lösen der Querbrücke kommen, da hierfür ja ATP benötigt wird. Als Folge wird sich ein Muskel nicht detonisieren können, sondern das Gegenteil geschieht. Die Begründung dafür, das „irgend etwas“ ja doch spürbar ist, erklärt sich über die Superkompensation. Durch die isometrische Muskelspannung drückt sich der Muskel selbst von seiner Durchblutung ab. Bei 30% der Maximalkraft kommt es bei der Isometrie bereits zu einer deutlichen Minderdurchblutung des Muskels, bei 50% der Maximalkraft bereits zu einem Kapillarverschluss. Läßt man die Patienten nun, Abhängig von der Intensität, lange genug spannen, kommt es zu einer deutlichen Unterversorgung, da der Muskel ja seine Energiespeicher verbraucht. Folgt jetzt eine Ruhephase, durchblutet sich der Muskel erneut und zwar im Sinne der Superkompensation in einem erhöhtem Maße als vor der Kontraktion. Es steht somit als Folge mehr Energie zur Verfügung und der Muskel ist jetzt auch eher in der Lage sein Calcium aktiv abzutransportieren und die Querbrücken über ATP zu lösen. Somit könnte man für die postisometrische Relaxation argumentieren, jedoch gibt es genug therapeutische Möglichkeiten die Energieversorgung eines Muskel sofort zu realisieren und nicht erst über den unlogischen Umweg der Erschöpfung. Sherington, der ja immer wieder als Beleg benutzt wird, hat auch richtiger Weise einen Zeitraum beschrieben, in dem eine Muskelzelle nach einer Erregung nicht in der Lage ist eine erneute Erregung zu verarbeiten. Es hat jedoch keine Beachtung gefunden, das dieser Moment nur 20-30 Millisekunden beträgt und somit therapeutisch nicht nutzbar ist.

Passive Dehnung und der monosynaptischer Reflexbogen

Bei einer passiven Dehnung reagieren innerhalb der Muskelspindel die Kernketten und Kernsackfasern, die bei überschwelliger Reizung den neuen Lagezustand über die Ia-Faser in Richtung Hinterhorn melden. Die Diskussion ob man statisch oder dynamisch dehnen sollte, damit die Muskelspindeln angeblich nicht reagieren stellt sich in der Physiologie nicht. Die Kernsackfasern reagieren auf eine dynamische und die Kernkettenfasern reagieren auf eine statische Dehnung. Hierdurch wird gewährleistet, das in jeder Situation die Tonus- und Längenzustände eines Muskels bekannt sind. Alles andere ist mit Funktion nicht vereinbar. Von einer Dehnung kann man aber erst sprechen, wenn das für den Muskel derzeitige Maß überschritten wurde, was jedoch immer mit einer Reizauslösung in der Muskelspindel einher geht. Es kommt also zur Reizweiterleitung über die Ia-Faser, die sich wiederum monosynaptisch direkt erregend auf das eigene Alpha-motoneuron schaltet und somit immer für einen Tonusaufbau sorgt und nie eine hemmende Wirkung am Motoneuron zeigen kann. Das dieser Reflexkreis für den Körper wichtig ist, wurde alleine schon über dessen Anlage dokumentiert. So ist die Ia-Faser eine sehr schnelle Leitungsbahn, die auch noch monosynaptisch und somit fast ohne Zeitverlust sofort auf das eigene Motoneuron verschaltet und den Muskel somit schützen soll. Dieser Reflexkreis ist auch nicht ausschaltbar oder adaptiert nicht in dem Maße, das es dann zu einer hemmenden Information auf Verschaltungsebene kommt. In den ersten Sekunden adaptiert zwar die Rezeptorenerregung von einem sehr hohem Anfangswert, auf einen konstanten Endwert (nach ca. 6-8 Sekunden), jedoch bleibt die Erregungsschwelle dabei erhöht und entspricht in ihrer Höhe der Intensität der Dehnung.

Man spürt beim Dehnen ja auch einen Widerstand, der logischer Weise durch die Kraftentfaltung des Muskels kommt und nicht durch dessen Entspannung. Die Entscheidung ob ein Muskel tonisiert oder detonisiert wird nie im Muskel selbst getroffen sondern immer am zuständigen Alpha-motoneuron.

Da eine passive Dehnung jedoch auch einer isometrischen Muskelspannung entspricht, wird der Muskel auch hier von seiner eigenen Energieversorgung abgeschnitten, was das Loslösen der Querbrücken in diesem Fall eher erschwert als begünstigt. Auch wird der aktive Abtransport von Calcium in das sarkoplasmatische retikulum behindert, was eher die Querbrückenbildung forciert und nicht hemmt.

Eine passive Dehnung kann also einen Muskel nie detonisieren, sondern immer nur tonisieren, was PNF sich schon lange zu Nutze macht.

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Thews/Mutschler.Vaupel –Anatomie Physiologie Pathophysiologie des Menschen

S. 436 Gama-Tonus / Gama-Schleife:

Die intrafusalen Muskelfasern, welche sich innerhalb der Muskelspindel befinden und somit die Kernketten und Kernsackfasern auch aktiv auseinanderziehen können, werden durch ein sog. Gamma-Motoneuron innerviert. Somit können diese Kernfasern nicht nur passiv durch ein auseinanderziehen des Muskel gedehnt werden, sondern auch aktiv über diese intrafusalen Fasern. Kommt es über höhere Zentren des ZNS zu einer Erregung des Gamma-Motoneurons und wird dadurch wieder die Reizschwelle der Kernfasern überschritten, wird wiederum über die Ia-Faser eine erregende Information an das eigene Alphamotoneuron gebracht (monosynaptischer Reflexbogen). Diese Gamma-Schleife dient dazu eine gewisse Leistungsbereitschaft zu erhalten und ist am Tage höher als Nachts beim schlafen und stellt Feinbewegungen ein.

In zb. Streßsituationen ist der Gammatonus hoch und die Muskulatur wird tonisiert um rechtzeitig reagieren zu können (Löwe im Nacken). Hierdurch können auch an Muskelsehnenübergängen Probleme entstehen und der Muskel zeigt sich verkürzt. Ein klassisches Beispiel bietet auch hier der Spannungskopfschmerz über den erhöhten Muskeltonus des M.trapezius pars descendens. Wenn jetzt, zur Behebung dieser Problematik, eine passive Dehnung erfolgt, wird das Problem forciert und nicht behoben. Ziel sollte es sein den ursächlichen Streß zb. durch Entspannungstechniken etc. zu beseitigen. Der Muskeltonus wird sich dann über die Gammaschleife selbst regulieren und die Pathologie beseitigen.

Durch die Gamma-Schleife entstehen auch die kurzfristige Erfolge beim passiven Dehnen. Da sich der Patient hinlegen muß und passiv behandelt wird, kommt es in vielen Fällen zu einem Absinken des Gammatonus. Deshalb werden die Patienten auch immer wieder aufgefordert, locker zu lassen und deshalb sollte eine Dehnung auch nicht schmerzhaft sein, wenn man den Tonus senken möchte. Der Erfolg ist aber immer nur von kurzer Dauer, da der Gammatonus sich schnell wieder aufbaut, solange die Ursache (zb. Streß) vorhanden ist.

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Thews/Mutschler.Vaupel –Anatomie Physiologie Pathophysiologie des Menschen

S. 438
Golgi-Hemmung:

Die Sehnenspindel (Golgi-Rezeptoren) wirken als Schutzreflex hemmend auf den eigenen Muskel. Wenn die Sehne des eigenen Muskels zu sehr unter Streß gerät, muß er seinen Tonus senken um die Sehne nicht endgültig zu zerreißen. Die Sehnenspindel nutzt hierzu eine Ib-Faser, die etwas langsamer als die Ia-Faser ist und ein hemmendes Zwischenneuron erregt, welches wiederum hemmend auf das eigene Alphamotoneuron wirkt. Somit erreicht das Alpha-motoneuron eine hemmende Information und der Tonus (Erregung) ist gemindert. Diesen Reflexkreis nutzt zum Beispiel Cyriax um einen Muskel über eine Querfriktion der Sehne unter anderem zu detonisieren. Vielfach muß dieser Reflexkreis als Argument für die passive Dehnung herhalten. Oft wird behauptet, das bei der passiven Dehnung auch der Golgi-apparat unter Streß kommt und somit eine entspannende Wirkung auf den eigenen Muskel aufweist. Jedoch ist die Reizschwelle des Golgi-apparates nicht mit der Reizschwelle der Muskelspindel zu vergleichen. Die Muskelspindel reagiert schon bei einer Zugspannung von ca. 0-5 Gramm, während die Sehnenspindel erst bei 100 – 700 Gramm reagiert. Somit ist es schon lange zu einem Tonusaufbau gekommen, bevor die Sehnenspindel reagieren könnte.

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Thews/Mutschler.Vaupel –Anatomie Physiologie Pathophysiologie des Menschen

S. 439

Antagonisten – Hemmung

Wenn eine Gelenk bewegt werden soll, wird dies durch die Aktivität der Muskulatur gewährleistet. Bei zum Beispiel der Ellenbogenflexion muß der M. biceps arbeiten, gleichzeitig ums der M. triceps jedoch gehemmt werden. Wenn dieser Hemmungsmechanismus nicht ablaufen würde, kann es folglich auch nicht zu Bewegungen kommen. Hierbei gibt die Ia-Faser des arbeitenden Muskels eine Kollaterale ab die sich auf ein hemmendes Zwischenneuron schaltet. Dieses hemmende Zwischenneuron verschaltet sich wiederum auf das Alpha-motoneuron des Antagonisten und hat somit eine detonisierende Wirkung auf diesen Muskel. Brügger nutzt zum Beispiel diesen Regelkreis für seine Dekontraktionen. Je mehr Kraft auf dem Agonisten entfaltet wird, desto größer auch die detonisierende Wirkung auf den Antagonisten. Deshalb dekontrahiert Brügger die Muskeln auch immer exentrisch und nicht isometrisch bzw. konzentrisch.

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Thews/Mutschler.Vaupel –Anatomie Physiologie Pathophysiologie des Menschen

S. 439
Therapeutische Konsequenz:

Wenn der Tonus eines Muskels gesenkt werden soll, und die meisten Pathologien beginnen mit Tonusproblemen, dann sollte man dies nicht über eine passive Dehntechnik versuchen. Maßgebend ist immer die Wirkung am Alpha-motoneuron. Hier wird die Entscheidung getroffen ob im Muskel ein hoher oder ein niedriger Tonus aufgebaut wird, nie im Muskel selbst. Auch das Loslösen der Querbrücke und das abpumpen des Calciums benötigt Energie, die dem Muskel bei einer passiven Dehnung aber entzogen wird.

Die erste Frage die sich stellt ist, warum der Muskel tonisiert ist. In vielen Fällen entsteht dieser Tonus durch Schutzspannungen ausgelöst über zb. Gelenkpropriozeptoren. Wenn ein Gelenk falsch steht, melden die Propriozeptoren zb. der Gelenkkapsel den Streß und sagen dem eigenen Muskel „spanne an und schütze mich“ (Erregung am Alpha-motoneuron). Wenn jetzt versucht wird nur den Tonus der sichernden Muskulatur zu senken, ohne jedoch das Gelenk zu beachten wird dem Körper ein wichtiger Schutzmechanismus genommen. Als Beispiel dient hierbei das ISG. Wenn die sichernden Bandstrukturen dieses Gelenkes über die Propriozeptoren unter anderem die ischiocruralen Muskeln tonisieren, dann dient dies dazu, ein weiteres Abkippen des Iliums nach anterior zu verhindern. Es wäre also total kontraproduktiv diese Muskulatur jetzt zu detonisieren, was über eine passive Dehnung zum Glück auch nicht geht. Wenn der Gelenkkapsel jetzt aber der Streß genommen wird, stellt sich der Tonus von selbst ein, ohne die ischiocruralen Muskeln überhaupt behandelt zu haben. Die Ursache des erhöhtem Tonus ist somit behoben, weil ein Schutz nicht mehr notwendig ist.

Die zweite Frage handelt um die angebliche präventive Wirkung auf Verletzungen. Es ist absolut nichts neues, das eine Dehnung, zum Beispiel vor dem Sport, keinerlei Verletzungsprophylaxe darstellt. Die angeblich „neue“ Studie aus Australien bringt nur altes Wissen wieder hervor. Wenn der Sportler sich vor der Aktivität zb. die ischiocrurale Muskulatur „aufdehnt“ erreicht er nie alle Muskelfasern die im Sport gefordert werden. Die gelenksichernden schnellen Muskelfasern werden nicht vorbereitet, da die Gelenkstellung dies nicht zuläßt. Der Sportler müßte sich auch einmal über die Knieextension die kniegelenksnahen Fasern dehnen, dann jedoch auch aus verschiedenen Rotationsstellungen, da die Fasern ja nie gerade verlaufen sonder auch schräg nach medial bzw. nach lateral. Dann müßten auch die tubernahen Fasern über die Hüfte in unterschiedlichen Rotationsstellungen und Abduktion sowie Adduktion gedehnt werden und in Mittelstellung auch noch in verschiedenen Achsen. Die funktionellere und logischere Variante ist den Muskel in seiner Funktion aufzuwärmen, das heißt belasten, damit alle Systeme (Propriozeption, schnelle – langsame Muskelfasern, Bindegewebe, Durchblutung, usw.) angesprochen werden.

Der Gedanke, durch eine Dehnung kollagenes Bindegewebe im Muskel zu lockern ist bei einem gesunden Sportler zum Beispiel unlogisch. Warum sollte man das schützende Bindegewebe im Muskel lockern und lösen, wenn ich es in der folgenden Aktivität dringen zur Stabilität brauche. Sinnvoll ist es, durch funktionelle Bewegungen die auf die Sportart vorbereiten, zum Beispiel die Wasserbindung über die Proteoglykane im Kollagen zu unterstützen. Nur in der Belastung erreiche ich alle

Anteile der gelenksichernden Strukturen. Bei einer Dehnung immer nur kleine Anteile und damit nie den gesamten schützenden Apparat. Deshalb läßt sich durch eine Dehnung auch kein „Muskelkater“ verhindern, der ja eine bindegewebige Verletzung innerhalb der Muskelzelle darstellt.

Eine weitere Gefahr beim Sport stellt das Dehnen direkt vor der sportlichen Handlung dar. Da es hierbei zum Energieverlust kommt, der Muskel leistet ja Arbeit, steht diese Energie für die eigentliche sportliche Handlung nicht zur Verfügung. Wenn jetzt noch über einen längeren Zeitraum (ca. 2 Minuten) die Dehnposition gehalten wird und dann sofort die Leistung abgefordert wird, ist der Muskel in einer schlechten Energiesituation und die intramuskuläre Koordination ist herrabgesetzt. Somit besteht Traumatisierungsgefahr und Muskelzerrungen sind wahrscheinlich.

Auch nach dem Sport lohnt sich eine passive Dehnung nicht. Kontraktionsrückstände, also bestehende Querbrücken können aufgrund der starken eingegangenen Verbindung von aussen nicht auseinander gezogen werden. Dem Muskel fehlt Energie um diese zu lösen bzw. sein Calcium abzutransportieren. Sinnvoller wäre eine Regenerationsmassage kombiniert mit Manueller Lymphdrainage, wie es im Leistungssport auch immer mehr Anwendung findet. Oder andere regenerative Maßnahmen wie zum Beispiel barfuß auslaufen, abwärmen und duschen. Dem Muskel durch eine passive Dehnung noch mehr Energie zu entziehen widerspricht jeglicher Logik. Ebenfalls wird der Tonus aus vorher genannten Gründen nicht abgesenkt sonder es entsteht noch mehr die Gefahr eines „Muskelkaters“, weil es selektiv zu Faserverletzungen kommen kann. Auch der Wunsch Laktatreste durch eine passive Dehnung besser abtransportieren zu können wird nicht erfüllt. Da die Muskulatur sich die Durchblutung abschneidet, wird eher nachproduziert als abtransportiert. Auch hier hat sich, besonders im Ausdauersport ein aktives Abwärmen mit anschliessender Manueller Lymphdrainage als deutlich effektiver erwiesen.

Selbst bei bindegewebigen und damit strukturellen Verkürzungen eines Muskels bietet die passive Dehnung keine Hilfe. Hier muss eine Technik gefunden werden, die der Muskelzelle die Information gibt sich zu verlängern, gleichzeitig aber den aktiven kontraktilen Apparat nicht aktiviert. Diesen Ablauf erlaubt nur die Antagonistische Hemmung oder das aktive dehnen. Hierbei kommt es über den aktivierten Muskel immer zu einer hemmenden Information auf dem antagonistischen Alpha-motoneuron. Entscheidend ist, das die arbeitenden Muskulatur nicht mit Widerständen belastet wird, da sie sonst nicht in der Lage ist den verkürzten Muskel wirklich auf „Länge“ zu bringen. Wenn der Muskel schon so schwach ist, das er seinen Gegenspieler nicht endgradig verlängern kann, dann sollte man es ihm in Endstellung nicht noch schwerer machen.

Zusammenfassend wird deutlich das eine passive Dehnung lange nicht das kann, was ihr seit vielen Jahren zugesprochen wird. Wenn man die Physiologischen Abläufe zugrunde legt, sind viele Erwartungen vom Wunschdenken geprägt. Der Stellenwert der passiven Dehnung sollte in der Therapie eine Korrektur erfahren und hauptsächlich in der Diagnostik zu sehen sein.

Anschrift des Verfassers:

Dirk Ehrhardt

Fachlicher Leiter „Functio“ – Institut für funktionelle Therapie und Sportmedizin

www.functio.eu

Dirkehrhardt@aol.com

Erschienen 2003 in der „Physiotherapie med“